Das letzte Bild - Eine unerwartete Ausstellung


Ich hatte mich verlaufen. Doch dieser Zufall löste ein Problem, nämlich die Suche nach einem schönen Geschenk für meine Mutter. Ich fand es in einem kleinen Laden in der falschen Straße. Eine zehn Zentimeter große Sanduhr aus braunem Glas. Sie passte perfekt, hatte ich doch einige Stunden zuvor einen Brief an sie geschrieben und sie ermahnt, ihr Leben doch so richtig zu leben. Was wissen wir schon von der uns verbleibenden Zeit?

 

Mit diesem philosophischen Gedanken im Kopf fand ich die Ausstellung Das letzte Bild - Fotografie und Tod. Meine Einstellung war so sanft, so verträumt, so ideal. Als ich die Räume betrat, dieses schwarze Vakuum, in das stetig doch das Stimmengewirr der hippen Berliner Szene schwappte, empfingen mich die Bilder von Walter Schels. Seine Aufnahmen von Menschen kurz vor und kurz nach ihrem Tod nutze ich oft bei Führungen, um den Menschen zu zeigen, dass Tote nicht schrecklich aussehen müssen. Die Gesichter der Verstorbenen bei Schels sind so gelöst, so sanft. So wie mein Stundenglasgedanke. Dennoch hielt mich das Bild des sechsjährigen Jannik gefangen, denn so sehr ich mich losreißen wollte: mein Hirn bastelte das Gesicht meiner Tochter in das des Jungen und mein Herz bereitete mir ungekannte Als-Ob-Schmerzen. Weiter ging es in der Ausstellung  mit postmortem Fotografien aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, die in samtig-goldene Etuis gebettet von der Liebe für die Toten zeugten. Das ist so schön, das ist so traurig. All diese toten Kinder, all diese kurzen Leben und all das Leid, das ich mir ausmale, wenn ich denke: „was wenn ...?“


Daneben Prominente, ein Papst, Harald Junke. Victor Hugo auf dem Totenbett, den ich mal gern gesehen habe, weil die Menschen, die man sieht, irgendwie greifbarer sind. Selbst wenn sie tot sind. Die Trilogie aus „Berlin in einer Hundenacht“ von Gundula Schulze Eldowy ist beeindruckend, denn da sehe ich diese alte Frau, mit wachen großen Augen, die auf dem ersten Bild nur alt, auf dem zweiten, ein Bein weniger und auf dem dritten eine Frau ohne Beine ist, die dennoch aufrecht sitzt, deren Augen ich aber nicht mehr wahrnehme, weil ich so auf die Stümpfe starren muss.  Hinten im Raum sehe ich schon den aufgeschnittenen Fuß, den Andreas Serrano fotografiert hat und der als Werbeplakat seine letzte große Ehre erfährt. Darf man das? Wollte der oder die Tote das? Spielt das eine Rolle?

Ich muss noch an der R.A.F. vorbei, die so viele oft gezeigte Tote erzeugte. Zu oft gesehen, Kontext bekannt. Mich interessiert das Bücherregal von Gudrun Enslin mehr, als Bilder von Andreas Baader auf dem Sektionstisch. „Ästhetik des Widerstandes“ von Peter Weiss stand in dem Regal und der Titel gefiel mir. Ich frage mich, ist das hier Widerstand, so eine Ausstellung über den Tod. Welches Tabu wird hier gebrochen und warum ist mir so schlecht?

Die Dame neben mir verabschiedet sich von ihrem Mann, sie kann das nicht alles sehen, so viele Tote. Auch mir fällt es schwer und ich bin eigentlich abgehärtet. Ich beginne die Bilder Hingerichteter zu konsumieren, schaue nicht mehr auf die Gesichter. Ich bin angeekelt. Das Gefühl setzt sich fort, als ich in die Reihe mit den Bildern aus den Konzentrationslagern komme. Noch habe ich das Bild von Lee H. Oswald im Kopf, der Kennedy erschossen haben soll und aussieht, wie jemand, den ich kenne. Und dann auf einmal Berge toter, ausgemergelter, entmenschlichter Menschen. Berge, richtig große, dichte Berge. Ich kenne diese Bilder, aber ich kenne sie nur aus einer Umgebung, in der der Rahmen eng um das Gesehene, um den geschichtlichen Kontext  gefasst ist. Aber hier geht es doch um das letzte Bild, also um Bilder von Toten. Es erscheint mir, als wäre die Konzeption ein Experiment gewesen: Wie bekomme ich möglichst viele Leichen in eine Ausstellung. Da passt der Holocaust richtig gut rein. Mein Blick steigt vom Tresen zur Wand auf  und ich muss zweimal, dreimal hinschauen, um mir zu bestätigen, dass ich auf einmal Dildos sehe. Dildos in pornografischen Szenen direkt über dem Leichenbild aus Belsen. Impulshaft gehe ich weg, drehe mich um. Doch ich kann es nicht so hinnehmen. Nun erkenne ich, dass die Sexszene das Ende einer Bilderserie von Gerhard Richter ist, der in „Fotos aus Büchern“ von Bildern aus dem KZ, über Kolorierungen zu diesen Szenen kam. Würde ich länger darüber nachdenken, könnte ich mir dabei was denken. Im Moment bin ich aber erst mal beruhigt, dass es da einen Sinn zu geben scheint. Dennoch finde ich die Anordnung äußerst fragwürdig und frage mich bis jetzt, ob das Absicht war, oder Unachtsamtkeit.

Ich passiere den Tod Heiner Müllers, festgehalten in Polaroidbildern, die bei seiner Liebe zu Brigitte Maria Mayer und dem Kind beginnen und bei seinem letzten Bild enden. Und am Ende treffe ich auf die Ur-Collage von Thomas Hirschhorn: Leichen, Leichenteile collagiert mit Modelfotos aus Zeitschriften. Claudia Schiffer neben Blut. Es ist wie eine Anklage. Doch wer klagt hier eigentlich wen an? Das letzte Werk könnte Gedanken über Weltzusammenhänge ermöglichen, doch ich kann nicht mehr denken. Ich bin überfordert von all den Toten.

Als ich angefangen habe, mit dem Tod zu arbeiten, wollte ich, dass er öffentlicher wird, dass sich der Tod wieder in das Leben einfügen kann. Doch was die Ausstellung Das letzte Bild hauptsächlich zeigt, ist der unnormale Tod; der Tod durch Mord, Krieg, Hinrichtung. Genau dieser Tod, den ich doch schon zur Genüge aus den Medien kenne. Ich denke weiter darüber nach, was diese Todesreferenten mit meiner Vorstellung vom Lebensende machen. Im Gästebuch schreibt jemand: „Beautiful.“ Ich kritisiere die Pornobilder. So macht sich eben jeder sein eigenes Bild vom letzten Bild.