Start in die Wahl


So, nochmal kaltes Wasser ins Gesicht geworfen und mit Frische und Mut geht es nun los.

Ich möchte Stadträtin werden. Und bevor das auch offiziell verkündet wird, habe ich ein Interview mit mir selbst geführt. Und das geht so?

WARUM MÖCHTEST DU IN DIE KOMMUNALPOLITIK?

Nun, seit 2014 beschäftige ich mich mit Politik, lese viele Bücher, erst über Politik an sich und dann immer mehr philosophische Arbeiten. Denn ich glaube, dass die Grundeinstellungen der Gesellschaft das Wichtigste sind, was es zu bedenken gibt, wenn man ein Land, eine Welt gestalten möchte.

WAS MEINST DU DAMIT?

Naja, gerade heute, wo Gefühle und moralische Forderungen im Vordergrund politischer Arbeit stehen, sollte man genau diese hinterfragen. Was ist Moral? Was ist Gerechtigkeit und was soll der Staat eigentlich tun, und vor allem auch, was nicht. Ich hinterfrage die Dinge, ständig und im Privaten, wenn ich mit den Büchern allein bin, auch sehr renitent. Solange es irgendwo in meinen Gedanken noch hakt, ist ein Thema für mich nicht durch.

UND WAS IST DIE ESSENZ DEINER AUSEINANDERSETZUNG?

Die gibt es nicht wirklich. Ich bin ja nie fertig. Das heißt, dass meine Meinungsbildung immer weiterläuft, weil ich Weiteres lese, aber eben auch viel zur Diskussion stelle. Gerade hier bei Facebook. Mir geht es dabei nicht darum, andere zu ärgern, weil ich widerspreche. Sondern ich will eine Debatte, damit sich meine Gedanken weiter entwickeln können.

ZIEMLICH EGOISTISCH, ODER?

Eigentlich schon, aber es geht ja auch um meine Gedanken. Ich denke, dass jeder sich weiterentwickeln kann und auch sollte, in dem er sich Anderen stellt. Das ist kein Krieg, das ist Diskussion, das ist das Zusammenkommen im Debattieren. Das reizt mich.

UND WELCHE POSITION VERTRITTST DU IN DER POLITIK?

Ich sehe mich in der Mitte, die es ja angeblich nicht mehr geben soll. Für mich bedeutet das, dass ich ein festes Fundament habe und mich von diesem aus in alle Richtungen umsehen kann. Ich will keine Feindbilder und keine WIR oder DIE- Ideen. Es gibt immer etwas, über das man reden kann, auch wenn es natürlich Grenzen gibt.

WELCHE ZUM BEISPIEL UND WAS IST DEIN FUNDAMENT?

Naja, die eine große Grenze ist, dass niemand zu Schaden kommt. Und all jene, die anderen schaden, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das auf der Basis des Grundgesetzes. Mein Fundament ist die Idee von Freiheit, die eben da endet, wo die des anderen beginnt. Das allerdings muss ständig neu verhandelt werden. Ich kann dir heute mit einer Äußerung zu nahe treten, über die du morgen lachst. Das muss ich akzeptieren, genauso wie du als mein Gegenüber akzeptieren solltest, oder besser, darauf vertrauen solltest, dass nicht jedes Fettnäpfchen ein Angriff auf deine Seele ist.

WAS WILLST DU ALS STADTRÄTIN BEWIRKEN?

Ehrlich? Ich weiß es nicht genau. Ich will dass diese Stadt, Halle (Saale) lebenswert ist. Da fange ich bei mir an und mich stören die vielen leeren Läden und ich wünsche mir mehr gemeinsame Kultur auf dem Marktplatz oder grundsätzlich auf den Straßen, mehr Kinder draußen. Das ist aber eigentlich nicht politisch herbeizuführen, das braucht eher einen Kulturwandel. Es wäre toll, wenn die Menschen mal sagen: "Hey, es gibt zwar einige Probleme, aber das hier, das ist meine Lieblingsstadt:" Und dafür müssen eben alle etwas tun, und jeder kann etwas beitragen. Und wenn es nur das Aufheben von etwas Müll ist. Die Idee, dass das unsere Stadt ist, um die wir uns kümmern, die bringt mich in die Kommunalpolitik.

HAST DU NICHT SCHON GENUG ZU TUN?

Scheinbar nicht. Ich habe mir ausgerechnet, dass Stadtrat noch geht. Vor fünf Jahren bin ich losgezogen, um den Tod zu verstehen. Ich habe mir sehr viel angesehen und mich intensiv damit auseinandergesetzt. Viele Menschen sind mir gefolgt, in dem sie mein Buch dazu gelesen haben und mich bis heute für Fragen zum Tod hören wollen. Der Ansatz war, dass ich losziehe, um zu verstehen und diejenigen die wollen mitkommen und zuschauen, was mir passiert, was ich denke und was möglich ist. Den selben Ansatz wähle ich auch jetzt wieder.

UND WAS HEISST DAS?

Ich mache einfach. Ich gehe hin, schaue hin, höre zu - so offen wie nur möglich. Ich starte nicht mit Konzepten in diesen Wahl"kampf", sondern einfach mit "Lust drauf". Das birgt natürlich die Gefahr, dass ich manchmal, anfangs vielleicht oft, keine Lösungen präsentieren kann. Das aber sehe ich als Chance, dafür, dass wirklich mein Geist, meine Abwägung und Einschätzung rein kommt. Ich muss erstmal zuhören, bevor ich mir eine Meinung bilden kann. Ich mache das ja nicht, um ein Parteiprogramm durchzusetzen, sondern um das in meinen Augen Beste für die Stadt zu tun. (Und weil ich neugierig bin, wie das geht und wie lange ich meinen Weg so gehen kann, wie ich mir das vorstelle).

FÜR WEN STARTEST DU?

Für die MitBürger, das gewährleistet mir die meiste Freiheit, weil dort so viele verschiedene Menschen zusammenkommen. Und ich habe das Glück, dass es dort ein professionelles Netzwerk gibt, das mich unterstützen kann.

WARUM WISSEN WIR DAS NOCH NICHT?

Weil die offizielle Pressekonferenz erst am nächsten Freitag ist.