Gedanken meiner Wahl // Positionierung


Der Wahlkampf hat tatsächlich begonnen. Das bedeutet nicht, dass ich mir griffige Slogans ausdenken muss. Nein, ich muss mich positionieren.  Und das ist einfach nicht einfach.

 

Gestern war ich als Stadtratskandidatin von einer Bürgerinitiative eingeladen, die sich gegen einen etwaigen Bau eines 175 Hektar großen Gewerbegebietes zur Wehr setzt. Die Organisatoren hatten bereits im März einen Spaziergang durch das betroffene Gebiet gemacht, bei dem Bauern, Jäger, Angler und Ornithologen über die Stärke dieses grünen Gebietes referierten – mit dem Megafon am Wegesrand. Nach dem, was ich dort erfahren habe, schien es mir total unsinnig, die diskutierten Flächen zu versiegeln.

 

Gestern lud also die Initiative erneut und ich musste mich mit einigen sehr erfahrenen Kommunalpolitikern im Podium einer Diskussion stellen. In der kalten Kirche trugen die Bürger ihre Bedenken vor und zeigten auf, wie wichtig das Gebiet für die Stadt ist.

 

  • Es ist ein „Hotspot der Biodiversität“ sagte der Vertreter der Grünen, heißt: es gibt doch viele Tiere, Insekten und Pflanzen. Vor der Kirche erzählte mir noch ein Mann, dass es einer der letzten Rückzugsorte für Wildtiere im Stadtgebiet Halle ist.
  • Die schwarze Erde, so nennt man den sehr ertragsfrohen Boden, könnte 3.000-4.000 Menschen ernähren (hört sich ein bisschen plakativ an, sollte  aber verdeutlichen, wie gut der Boden ist, den man z.B. für den Anbau von Weizen nutzen könnte. Das Gelände wird u.a. durch einen Ökohof genutzt und schon beim Spaziergang brachte ein Biologe an, dass die zukünftige Ausrichtung auf regionale Versorgung sicherlich ein besserer Weg ist, als die Fokussierung auf Gewerbegebiete, in denen sich vorrangig Logistikunternehmen ansiedeln werden.
  • Das Gebiet bringt die kalte Frischluft in den Norden der Stadt.
  • Von den ökologischen Stärken mal abgesehen, würde mit einem Gewerbegebiet und eines vielleicht folgenden Straßenbaus die Wohnqualität der Bevölkerung enorm leiden. 

Soweit ich es verstanden habe, hat sich das Vorbildprojekt für den etwaigen Bau nicht rentiert. Die Investitionskosten können seit 20 Jahren nicht wieder reingeholt werden, die Gewerbesteuern sind gering, Jobs gibt es vor allem in der Logistik und die sind aus verschiedenen Gründen nicht gewünscht. Da enthalte ich mich der Wertung, denn ich finde erst mal jede Stelle, die einen Menschen in Lohn und Brot bringt begrüßenswert.  Ich frage mich nur, ob man nicht innerstädtisch Arbeit schaffen kann, die für die Stadt besser ist: also mehr Steuern und vielleicht noch einen Mehrwert bringt. In naiven Momenten träume ich von einem Unternehmen, dass dafür sorgt, dass in allen städtischen Kitas, in Krankenhäusern und Schulen selbst gekocht wird. Wären ja auch Jobs, nur eben andere.

 

Man wird es nie allen recht machen können, doch im Moment scheint es so, als wäre der Bau eines Gewerbeparks zu kurz gedacht, doch die Frage ist: Wie dann? Denn durchaus verständlich ist auch, dass die Stadt attraktiv für Neuansiedlungen oder Vergrößerungen bestehender Unternehmenspotentiale sein möchte. Aber man kann eben nicht ohne die Menschen entscheiden, die in dieser Stadt leben. So war das mit der Demokratie nicht gedacht. Grundsätzlich scheint es mir, als fehle die Vision für die gesamte Stadt, die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir leben? (die Gedanken dazu hegt mein Hinterkopf noch).

 

Für diesen Fall hier wäge ich zwischen lediglich prognostiziertem Nutzen und eindeutigem Schaden ab. 

 

„Und, wollen sie den Gewerbepark, Frau Uhl.“ 

 

„Nein“ habe ich geantwortet, denn nach dem, was ich bis dahin wusste, kann ich den Sinn nicht sehen. Am Ende muss es für möglichst viele Menschen einen positiven Effekt haben. Und den sehe ich im Moment nicht. Vielleicht habe ich aber auch was übersehen. 

 

 

JU

 

Erkenntnis des Abends: Schweige, wenn du nichts zu sagen hast und bleib bei dem, was du für richtig hältst.