Freiheit, Angst und Tod


Immer noch Ostern im Kopf. Auferstehungsgedanken waren bisher außerhalb meines Denkens, doch nun mischen sie sich mit Zukunftsvorstellungen. Auferstehen kann nur, was vorher tot war. Stirbt dieses Land, wie wir es kannten gerade? Was kommt noch? Was ist denkbar?


Die Idee steht im Raum, dass es erste Lockerungen nach dem 19. April geben wird. Ich glaube nicht an die Öffnung der Schulen, die Keimschleuderkinder sind einfach zu gefährlich. Entschuldigen Sie, aber Zynismus ist dieser Tage mein liebster Feind. Die Kindergärten werden wohl noch länger geschlossen bleiben, denn wie will man denen das mit dem Mundschutz erklären. Und Smartphones haben die ganz Kleinen ja auch noch nicht. Wie will man zukünftig beweisen, dass das Kind immun oder geimpft ist, wenn es noch kein Fitnessarmband besitzt? Denken Sie bitte allein weiter, ich will nicht. Irgendwie lande ich immer in der Dystopie.  
Sicherheit oder Freiheit, irgendwas war doch da mit Benjamin Franklin: Those who would give up essential liberty, to purchase a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety. Verspielen wir unseren Anspruch auf Freiheit, weil wir nach Sicherheit lechzen? Was ist das, das uns zu freiwillig Eingesperrten macht, die die ursprünglichen Gedanken der Aufklärung gänzlich vergessen haben. John Locke erdachte Leben, Freiheit und Besitz als natürliche Rechte eines jeden Menschen und setzte damit die Grundpfeiler der Menschenrechte. Die Freiheit hat eine lange Geschichte. Wir vergessen sie innerhalb weniger Tage, stellen sie in den Schrank und lassen sie verstauben.


Hannah Arendt sah den Wesenskern der Freiheit im Zugang zum „öffentlichen Bereich“ und in der „Beteiligung an den Regierungsgeschäften“ (In: Die Freiheit, frei zu sein). Dieser Zugang, diese Beteiligung sind uns im Moment verwehrt, weil man uns schützen will. Und wir lassen uns beschützen, weil wir Angst haben: Vor dem Virus, vor Verlust, vor Mangel, vor Bürgerkrieg. Angst ist das beklemmende Gefühl, bedroht zu sein. Furcht hingegen, das Gefühl angesichts einer konkreten Gefahr. Furcht wird in der Natur meist gelöst, indem der Gefahr ausgewichen wird. Die Angst jedoch nistet sich im Denken ein, sie beginnt alles zu bestimmen. Sie kann überwunden werden, wenn man sich der Gefahr aussetzt, den Gegner besiegt oder feststellt, dass er gar nicht so groß ist. Angst lässt sich auch durch Humor auflösen, wenn man durch ein Lachen eine Blase platzen lassen kann. Doch wenn, wie im Moment, jeden Tag die Angst durch immer neue Meldungen und Zahlen genährt wird, dann hört sie nicht auf und wird zur Störung. Wir müssten ihr entkommen. Doch dazu sollten wir die Plattformen der Angst verlassen. Oder ihre Logik erkennen.
Der Informatiker Jaron Lanier schrieb vor einigen Jahren ein kleines Büchlein darüber, warum wir Social Media meiden sollten. Er erklärte, dass diese, vor allem YouTube, über die Verstärkung von Gefühlen funktionieren. Das Motiv sozialer Medien ist Umsatz. Umsatz generieren sie durch Werbeplatzverkäufe und der Preis dieser ist abhängig von den Zuschauern. Das sind wir. Also versuchen die Algorithmen uns möglichst lange am Bildschirm zu halten. Da der Mensch sich schnell langweilt, braucht er immer sensationellere Meldungen und Videos. Dieses Prinzip hat sich in anderen Medien auch durchgesetzt. Es braucht immer neue Katastrophenmeldungen, um die Leute bei der Stange zu halten.


Bilder von Lastwagen, Massengräbern und Särgen bedienen unsere Angst vor dem Tod. Das macht uns handlungsunfähig. Wir lassen uns in die Zukunft treiben, weil wir zu verhuscht sind, um sie selbst zu gestalten. Glaube, Liebe, Hoffnung sind Tugenden des Abwartens, die nicht mehr leisten können, als temporär die Seele zu beruhigen.
Geschichte entsteht nicht durch Zufall, sondern durch Menschenhand. Jede Entscheidung trägt Früchte, jedes Unterlassen manifestiert sich in Folgen. Wenn wir uns nicht vor den täglichen Nadelstichen der Angstmaschine schützen, werden wir in dieser Geschichte nur als stille brave Masse eine Rolle spielen.


Wir müssen entscheiden, ob wir die Freiheit von Krankheit und Tod der Möglichkeit zum selbstbestimmten Leben tatsächlich opfern wollen. Warten wir nicht auf die Auferstehung, auf ein Leben danach.

Die Zukunft beginnt jetzt.