Der Außerirdische in mir


Den gestrigen Tag verbrachte ich mal ohne Internet. Das war sehr heilsam, mein Tag war so normal, dass ich ganz vergessen hatte, was eigentlich gerade vor sich geht.


Als ich dann heute morgen die Nachrichten und die Facebook-Meldungen durchsah, fühlte ich mich wie ein Außerirdischer, der auf dieses Land schaut, die großen schwarzen Augen aufsperrend und den grünen Kopf schüttelnd.
Ich sehe massive Einschränkungen der Grundrechte, weil man Angst vor dem Tod hat. Ein gefährliches Virus könnte sehr viele Menschen töten. Sagt eine Organisation, die nicht unabhängig ist, sondern vor allem aus Spenden finanziert wird. Einer der größten Spender spricht zum Volk und sagt, was zu tun ist, damit es seine Freiheit wiederbekommen wird. Das Volk nickt und bedankt sich.
Ich sehe, dass das Recht auf Leben, das die amerikanischen Verfasser der Unabhängigkeitserklärung als das Recht ansahen, für sein Leben selbst aufzukommen und zu arbeiten, ausgespielt wird durch eine Fehlinterpretation, die meint, dass das Recht auf Leben der Anspruch auf Unsterblichkeit ist. Viele Menschen glauben, dass der Staat sie vor dem Tod beschützen kann. Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass Alte und Kranke sterben.


Ich sehe, dass die Menschenwesen ihre Energie verschwenden. Statt die sozialen Medien zu nutzen, um miteinander zu denken, Theorien zu prüfen und gemeinsame Vorstellungen von der Zukunft zu erschaffen, beschimpft man sich und bestätigt der eigenen Gruppe, dass man ganz sicher dazu gehört. Der Verstand der Menschen, der ihnen dient, das Leben zu meistern, steht jetzt hinter der Freiheit im Eckregal. In der freien Zeit, die ihnen zwangsweise auferlegt wurde, könnten sie Bücher lesen, philosophieren, also das Denken lernen. Stattdessen verteilen sie Zähl- und Ratespiele, um die Zeit totzuschlagen. Im Gegensatz zum kindlichen Spiel, in dem sich der Charakter und die Moralvorstellungen bilden, ist das Spiel der Erwachsenen nicht mehr als Lebenszeitverschwendung. Wie viele Server, wie viel Strom braucht es eigentlich, um all das sinnlose Rauschen der sozialen Medien zu speichern?
Ich sehe Menschen mit Stoffmasken durch die leeren Straßen laufen, einander ansehend, ohne Mimik. Jedes Lächeln verschwindet hinter dem Schutz, der den benutzen Atem immer wieder in die eigene Lunge schleust. Ich vermute, dass sich die Sauerstoffsättigung im Körper der Maskenträger verringert, das Denken fällt schwer. Noch schwerer.


Ich steige in mein Raumschiff und haue ab.