Gedichte aus der Krise - Zyklus 1

Gedanken von Frieden

Ich fand im Keller Gedanken vom Frieden,
geschrieben auf altem Papier.
Zerknüllt lag es in einer Ecke
und flirtete mit mir.

Ich ging mit Ideen in die Archive
und sah mir Geschichte an.
Erkannte dann, dass Frieden wohl,
nie mehr als Utopie sein kann.

Ich legte das Papier zurück,
in dunkle Ecken, unsichtbar.
Und wurde,
verändert und leicht verrückt,
still,
so wie ich vorher war.

 

11. September 2018

Ich schreibe der Freiheit Briefe

Ich kann doch nur sitzen und starren
Auf das, was ein anderer schreibt,
kann sein und verharren
und hoffen, dass was bleibt.

Ich will doch nur freier leben,
kam dem schon so nah,
will nach meiner Seele streben,
will ganz sein, deutlich, klar.

Doch all dieses Hasten und Hetzen,
ängstigen und panisch sein,
wird meine Freiheit verletzen,
sie schränken mich weiter ein.

Ich darf nicht mehr sagen und denken,
was ich sagen und denken will,
es ist nicht neu das Lenken,
es ist nicht neu das Still.

Neu ist nur das Ahnen,
das Wissen darum, was geschieht.
Mit sinkenden Taubenfahnen,
verlasse ich dieses Gebiet.

Ich ziehe in innere Lande,
zu Wiesen in meiner Seele,
bevor ich am Ende versande
und mich ohne Hoffnung quäle.

Ich entreiße euch mein Denken,
und widme es nur noch denen,
die es schätzen,
nicht lenken,
ihnen gilt mein Sehnen.

Ich schreibe der Freiheit Briefe
verabschiede mich von ihr,
wenn ich nicht durch euer Flimmern liefe,
was bliebe dann von mir?

Drum denkt an mich in den Stunden,
in denen ihr mutlos seid.
Ich habe die Angst überwunden.
Warum?

Ich war so weit!

 

13. März 2020

Beim Weinhändler

War Wein kaufen und hoffen,
kam mit Flaschen zurück,
war leicht und besoffen,
ganz nah dem Glück.

War reden und denken,
mit einem fremden Mann,
wir wissen vom Lenken,
doch was kann
er tun,
was ich?
Das wissen wir nicht.

Wir tranken zusammen,
Rosé, weiß und rot,
erkannten in klammen
Zeichen die Not:
Was immer auch kommt,
wir hatten das schon,
erinnern uns gut daran.

Doch was kann er tun,
was ich,
ich Frau,
er Mann?

 

15. März 2020

Deutscher Garten

Der Vati macht jetzt Rasen,
pflanzt schnell ´nen Buchsbaum ein,
denn in Endzeitphasen
muss der Garten in Ordnung sein.

Ich mach das aber anders,
zieh´ alle Tulpen raus
und stecke Pflanzkartoffeln.
Dann sieht´s halt Scheiße aus.

 

18. März 2020

Heiliger Vater

Schütze mich,
du guter Vater,
du guter, lieber Staat!
Pass auf mich auf
und sperr mich ein.

Entscheide für mich,
guter Vater,
weil ich es einfach nicht kann.

Lass mich nicht allein,
mein lieber Vater,
nimm dich meiner an.

 

19. März 2020

Mein Schweigen hat nichts zu bedeuten

Im Rauschen dieser Umbruchszeit,
dem Rufen, Schreien, Brüllen,
schenk ich dir eine Kleinigkeit.

Du wartest täglich auf ein Wort,
eine Nachricht, einen Brief.
Ich bin hier an meinem Ort.

Mein Schweigen hat nichts zu bedeuten,
Gedanken hört man nicht,
bin ich hier unter Leuten,
denk ich doch stets an dich.

Noch sparen wir die Zeilen,
man redet schon zu viel,
wir müssen gar nicht eilen,
wir kennen doch das Ziel.

Ich schenke dir mein Schweigen,
vergess´ dich aber nicht.
Bleib standhaft, tapfer, eigen,
bis uns´re Zeit anbricht!

21. März 2020

Hoffnung

Heute morgen
Blick in den Garten,
keine Sorgen,
nur Kaffee.

Will heut machen
nicht warten,
fahre mal zum See.

 

Seh die Enten
lustlos tauchen,
nach dem Futter tasten.

Tauchen auf,
sehen mich an,
tragen weiße Masken.

Weg vom See,
in den Wald,
suche doch nur Leere.

See war warm,
Wald ist kalt,
Wald ist deutsche Schwere.

Denk an Nietzsche
und die Berge,
hab´  nur keinen hier.

Denk an Italien,
denk an Särge,
an das Maskentier.

Ab nach Hause,
zu den Sorgen,
wieder Rebellion.

Frei mach ich dann übermorgen,
ja, dann klappt das schon.

 

25. März 2020

Schliess die Augen

Schließ die Augen
Hör nichts mehr
Halt den Mund
Gib dich nicht her.

Schweig jetzt still
Um nicht zu stören
Schweig jetzt still,
Man muss mich
Hören.

Hab´  keinen andern
Neben mir
Und stell mich nicht in Frage.
Tust du es doch,
Dann schick ich dir,
Eine kleine Plage.

Schließ die Augen,
Hör nichts mehr,
Halt den Mund,
Machs dir nicht schwer.

31. März 2020

Großvater weint

Rief gestern meinen Opa an,
der ist nun ganz alleine,
er sagte mir, der weise Mann:
„Hör´ nicht, dass ich weine.“

Seit Tagen nämlich sitzt er nun
allein in seinem Haus,
wartet nur und kann nichts tun,
im Rollstuhl,
darf nicht raus.

Seine Frau, die Erika,
ist krank in einem Heim,
schon seit Jahren lebt sie da,
könnt´ zufrieden sein.

Doch die Pfleger wissen nicht
mit ihr umgehn´.
Mit dementieller Zuversicht
will sie die Kinder sehn´.

Versteht nicht, warum das nicht geht,
und schlägt gegen die Tür.
Hinter der die Tochter steht,
sie kämpfte hart dafür.

Draußen vor dem kalten Glas,
mit Mundschutz und viel Angst,
fragt sie den Staat:

„Was soll denn das,
was du da verlangst?“

 

Der Pfleger nimmt die Mutter mit,
die Scheiben sind beschlagen,
die Tochter, außen, folgt dem Schritt,
kommt wieder in zwei Tagen.

Großvater weint und sitzt am Fenster,
allein in seiner Not,
sieht seit gestern nun Gespenster,
seine Frau ist tot.


1. April 2020

Wut

Da ist sie
Endlich
Ausbruch
Heiße Tränen,
auf roten Wangen.
Wut.

Seit Wochen Spannung,
Denken,
Warten,
seit Tagen
ansteigen des Drucks.

Da will etwas
Raus.

Bisher kanalisieren
In Briefen und
Texten
Sport machen,
Musik
Und
Irgendwas.

Doch jetzt
Kein Halten,
heiße Tränen,
wie gesagt,
und der Wille,
etwas zu zerstören.
Wut.

Kein guter Berater,
keine Basis für Alltag.
Schließ mich ein
Für heute.
Nehme euch die Arbeit ab.

 

11. April 2020

Hase und Fuchs

Seit Wochen nun schon
malen sie
den Teufel an die Wand,
zeigen auf die anderen
und dann auf unser Land.

Zählen jeden Toten einzeln,
die Lebenden zählen sie nicht,
in eine paar Tagen zwingen sie
uns die Maske ins Gesicht.

Ich will,
dass ihr den Himmel seht,
schaut einfach nicht mehr hin,
wenn der Teufel dann allein da steht,
dann macht er keinen Sinn.

Denn selbst der Hase,
der erschreckt,
vorm Fuchs nur ´n paar Sekunden,
dann besinnt er sich,
dann läuft er weg,
dann ist er schnell verschwunden.

Seit Wochen nun schon
malen sie den Teufel an die Wand,
am Horizont taucht leuchtend auf
der Retter, der ihn bannt.

Der gute Mann, der kommt ganz bald,
ihr müsst ihm nur vertrauen.
Der Hase hockt in seinem Wald,
ist schnell noch abgehauen.

Denkt nach und wendet euren Blick,
weg von der Gefahr,
denn wenn sie keiner sehen kann,
ist sie vielleicht nicht da.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
an eine Illusion,
ob er nicht doch die Wahrheit findet,
vielleicht hat er sie schon.

Seit Wochen nun schon,
malen sie den Teufel an die Wand,
er bleibt ein Bild,
ist nicht real,
habt ihr es jetzt erkannt?

Nehmt Farben euch,
und dicke Pinsel,
Radierer, Stift, Papier,
überdeckt ihn,
und vergesst ihn,
dann war er niemals hier.

Denkt nach, ihr Leute,
denkt und lauscht,
was man euch sagen will,
seid nicht mehr ängstlich,
nicht berauscht,
haltet nicht mehr still.

Hebt eure Köpfe,
macht euch frei,
geht endlich vor die Tür.
Ich bin leider nicht dabei,
ich bleibe lieber hier.

 

13. April 2020

Ich leg mich nieder

Ich leg mich nieder
Unter die Erde
Verabschiede mich von der Welt,
und warte bis ich endlich werde,
was am Ende zählt.

Nur kurz noch
Zuckten die Gedanken,
und hofften noch einmal,
bevor sie elendig ertranken
in meiner Weltempfindungsqual.

Ich bin so traurig
Steige nieder,
weiß nicht mehr, wo hin.
Und glaube nicht,
dass ich je wieder
wirklich fröhlich bin.

Drum lasst mich hier
Vergesst mich bitte,
ich werde leis verschwinden.
Vielleicht wird einst
Ein wildes Tier
Mich hier unten finden.

Nur ein paar Knochen,
und ein paar Haare,
von einem Menschenland,
von einer Frau,
fast vierzig Jahre,
die keine Kraft mehr fand.

 

25. Mai 2020

Ach du

Ach du,
wenn jetzt,
dann wär
dann könnten wir,
du
ich,
ach du.

Weil,
dass,
weil eben,
ach, seis drum.

Du
Ich,
ach
du,
ohne ich.

Ich,
ohne du,
bleibe ich,
doch du,
ohne ich,
bist
nicht.

24. Mai 2020

Unpassend

Hab in all den Wirren,
meinen Geliebten verloren,
im Tosen der Endlichkeit.

Hab in all den Wirren
mich gegen die Zeit verschworen
mit all meiner Liebe,
all meinem Leid.

Hab in all den Wirren
ein Kind geboren,
hinein in die Verschwiegenheit.

Hab in all den Wirren
mich selbst erkoren
für das Weilen in Zeitlosigkeit .

 

12. März 2020

Also sprach die Regierung

Vereinzelt euch, sagt die Regierung,
zieht euch in euer Heim zurück,
hört durch den Empfänger nur,
was wir euch empfehlen.

Verzichtet auch, sagt die Regierung,
schont das System, damit die Alten nicht sterben,
hört durch den Empfänger nur,
was wir euch heute raten.

Nehmt die Folgen in Kauf, sagt die Regierung,
wir müssen solidarisch sein,
allen wird geholfen werden,
Kredite ohne Limit werden euch retten,
kommt in unser Boot,
wir helfen euch,
und sitzen dann alle in einem.

Wir werden es steuern,
für euch,
für uns alle,
wir bringen euch da durch,
wir retten euch,
sagt die Regierung.

Haltet still, sagt die Regierung,
wir wissen, was gut für euch ist,
hört durch den Empfänger nur,
was wir euch befehlen.

 

14. März 2020

Party

Ich plane eine Party mit zwanzig Gästen,
noch ist es nicht verboten,
noch gibt es keinen Erlass.

Erst als am Abend die Polizei an der Haustür läutet
und mich bittet,
das Fest aufzulösen,
verstehe ich,
dass meine fürsorglichen Nachbarn
das Ende meiner Freiheit einleiten werden.

 

16. März 2020

Ich tanz für dich, Freiheit

Ich tanz für dich, Freiheit,
wohl das letzte Mal,
ich seh´ dich schon verschwommen.
Drum wink ich dir,
ein letztes Mal,
sie werden wohl bald kommen.

Ich höre ihre Schritte schon
sie klopfen an die Türen,
ich tanze noch und kann mich doch
im Grunde gar nicht rühren.

Ich tanz  für dich, Freiheit,
beweg mich kaum,
doch strebe zu den Fenstern.
Und fliegend verlasse ich den Raum,
aus Angst vor den Gespenstern.

Ich liebte dich, Freiheit,
wenn auch zu spät,
es war doch vorauszusehen.
Trauer nicht, Freiheit,
so ist das Sein,
jeder muss mal gehen.

 

17. März 2020

Tanzen

Ich wollte doch noch mal richtig tanzen,
bevor die Welt geschlossen wird,
nur einmal noch, alte Lieder singen.

Ich wollte doch noch mal richtig leben,
bevor alles zu Ende geht,
nur einmal noch das Meine tun.

Ich wollte doch noch mal richtig lieben,
bevor es  keine Zukunft mehr gibt,
eine Stunde nur, bis ich mein Herz brechen höre.

 

19. März 2020

Du willst mich

Ich weiß, dass du,
wenn du
mit mir
um Hoheit kämpfst,
mich willst.

Ich weiß, dass du,
wenn du
mit mir
um Wahrheit ringst,
mich willst.

Ich weiß, dass du,
wenn du,
mir dir im
Reinen bist,
mich willst,
mich einfach nur erschießen willst.

 

20. März 2020

Untergrund

Wo, mein Lieber, geht´s denn hier
bitteschön zum Untergrund?
Ich warte nur und sitze hier,
schreibe mir die Finger wund.
Das ist doch ungesund.

Wo, mein Lieber geht´s denn hier
bitte zur Geschichte?
Ich probe jetzt den Aufstand
und schreib´ nicht nur Gedichte.
Auch wenn ich mich vernichte.

Wo, mein Lieber, geht´s denn hier
zum nächsten Lazarett?
Ich Partisanin wünsche mir
so sehr ein warmes Bett.
Da oben war es doch ganz nett.

 

24. März 2020

Happy Birthday

Happy Birthday, mein lieber Freund,
ich schicke dir keine Geschenke.
Denn wir haben hier die Freiheit versäumt,
weil man die Mahner henkte.

Es ist verboten, das F-Wort zu sagen,
man will ihr nicht gedenken.
Auch ich würde es heut´ nicht mehr wagen,
drum wird´s nichts mit Geschenken.

Ich hocke zu Hause und lese Geschichten,
ich komm´ hier nie mehr weg.
Ich höre, wie sie die Zweifler richten,
ich rühre mich nicht vom Fleck.

Ich trinke auf dich, mein ferner Freund,
mitten am Tag schon Bier.
Egal, ich habe die Freiheit versäumt,
egal ich bleib´  jetzt hier.

 

26. März 2020

Wir müssen draußen bleiben

„Mama, nimm mich mit,
ich möchte einkaufen gehen,
ich folge dir Schritt, für Schritt,
will andere Menschen sehen.“

„Das geht nicht mein Kind,
drum bleibst du
leider wieder hier,
Kinder bleiben jetzt draußen,
steht an der Ladentür.

Ich kann das Geschäft nicht meiden,
die kleinen sind alle leer.
Ich kann das Geschäft nicht leiden,
doch gibt es nichts anderes mehr.“

„Dann gehen wir später zum Spielplatz,
du fährst mit dem Rad, ich lauf.“
„Nein, wir bleiben hier, Schatz,
der Nachbar schreibt uns sonst auf.“

„Mama, was dürfen wir machen,
ist die KiTa schon wieder offen?“
„Wir dürfen noch leise lachen,
und immer wieder hoffen.

Immer wieder sagen
sie uns neue Ziele,
wir sollen es still ertragen.
Drum spiele
weiter leise,
ich schreib´ meine Gedichte.
Am Ende dieser Reise
werden wir Geschichte.

Spiele leis mein Kind,
jedoch nicht nah am Fenster,
man soll nicht sehen
wie du lachst,
wie du malst
und tanzt
und bastelst.
Wie du Kindersachen machst.

WIR MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN,
ein Bild war stets dabei,
von einem süßen Hund.
Die Zeiten sind vorbei.

 

28. März 2020

Walzer

Wir tanzen Walzer auf dem Vulkan
und lieben uns in Glut.
Wir stürzen,
ich rein,
du raus.
Am Ende wird es gut.

Ich falle brennend zur Mitte der Erde,
du ziehst dich erhitzt zurück.
Ich verglühe, sterbe, werde.
Du suchst in der Welt das Glück.

 

6. April 2020

Der Afghane

Traf´  neulich beim Spazieren,
´nen Afghanen hinten am Zoo.
Sprach mit ihm über Viren
und Schuhe von Zalando.

Er sagte, jetzt in der Krise
hätt´ er so viel zu tun,
denn Shoppen sei die Devise,
jagen nach neuen Schuh´n.

Man sitzt jetzt ganz in Ruhe
zu Haus vor dem Rechner rum,
bestellt bei Zalando Schuhe.
Das fand der Afghane dumm.

Ein leises Tschüss, dann weiter,
wir schüttelten die Köpfe synchron.
Ein Lemming winkte heiter,
na und, was sagt das schon?

 

7. April 2020

Quarantäne

Hab mich eingesperrt,
wie einen Schatz,
ich bin systemrelevant.
Das hat nur bisher niemand
wirklich anerkannt.

Ich harre aus
im kalten Stahl,
bis mich ein Prinz befreit.
Warte schon die dritte Woche,
wäre jetzt soweit.

Doch niemand kommt,
es wird stattdessen,
die Tür mir zugedrückt.

Ich harre aus,
hab Durst, will essen
und werd
geschützt verrückt.

 

Da rufts, ich hörs,
oder bild es mir ein:
„Ich werde für dich sorgen.
Es wird noch nicht zu Ende sein,
warte noch bis morgen.

Wir haben dich nicht vergessen.“

 

Am Tag darauf,
die Tür ist schwer,
lass ich hinaus den Blick.
Die Augen vertragen das Licht nicht mehr,
ich krieche schnell zurück.

Nur ein Jahr später,
man öffnet mir,
ich habe trübe Haut.
Bin nur noch ein Menschentier,
das man schnell verbaut.

Stehe nun am Technik-Band,
schieb Sachen hin und her,
pack Zuckerbrot in den Versand,
nach Freiheit
frag ich nicht mehr.

 

8. April 2020

Mein Herz schlägt mich

Seit drei Uhr schlägt mein Herz zu schnell,
ich finde keine Ruh.
Es pumpt mir meine Sorgen auf,
schlägt unablässig zu.

Was war, was ist,
ich glaub es kaum,
verweiger es den Sinnen.

Erwache stets im selben Traum
Und kann dem nicht entrinnen.

Die Zukunft ist jetzt unnahbar,
sie ziert sich gut zu werden.
Das Leben war doch einst so klar
und leicht für mich auf Erden.

Es malträtiert mein schweres Herz
die Gegenwart mit Tritten.
Ich wache auf mit Herzenschmerz,
will in den Himmel bitten.

Hör auf, oh Zeit, in mir zu schlagen,
ich schliefe lieber ein.
Ich kann kaum noch die Welt ertragen,
möcht ungeschlagen sein.

Nur eine Nacht in Ruhe liegen,
als wärs so wie es war,
vor diesen neuen Menschenkriegen,
ganz leicht, ganz wunderbar.

 

4. Mai 2020

Netzmenschen

Im Internet beginnen die Leute,
mit neuen Fotos und alten,
ihr früheres Leben zu verwalten.

Sie zeigen ihre Einkaufsbeute
und Masken mit Pailletten.
Mittags auch sehr gern,

Schnappschüsse aus Betten.

Sie reden von früheren Zeiten
und machen ein Riesenbohei,
begreifen nicht, bei Weitem,
die alten Zeiten sind vorbei.

Vorbei die freien Tage,
grenzenlosen Strebens.
Nur noch Runterkommen
ist der Sinn des Lebens.

Sie rufen nach Vaters Schutz,
vor dem Virus, den letzten Zahlen,
nach Schutz vor Krankheit und Schmutz,
vor körperlichen Qualen.

Sie sehen nur die Bilder
im Netz und im TV,
sie werden immer wilder,
sie werden nimmer schlau.

Sie lassen sich jeden Tag jagen
von neuen Horrorgeschichten.
Und wussten in all den Tagen
nicht von einem zu berichten.

Niemand kennt einen Toten,
der am Virus gestorben ist,
doch Fragen sind verboten,
sagt der freundliche Volkspolizist.

Sie wollen doch gar nichts wissen,
vermeiden, etwas zu ahnen.,
Auf die Kritik wird gesch …,
auch auf Friedensfahnen.

Da gibt es die einen,
die wollen nur liegen,
in des Staates warmen Armen.
Da gibt es die anderen,
die wollen nur siegen,
für Klassenfeinde kein Erbarmen.

Die alten Kämpfe ohne Basis
fechten sie weiter in dieser Zeit.
Fordern Solidarität und
treten ihre Feinde breit.

Noch immer Witze über die Rechten,
Kot solle man ihnen schicken.
Sie merken nicht, wie sie sich knechten
und ins Totalitäre rücken.

Sie nennen Zweifler und Mahner Idioten,
Menschenverachter und Troll,
Sie haben sich das Denken verboten,
ihre Köpfe sind voll.

Gefüllt mit Hass auf all die Denker,
die theoretisieren.
Sie folgen brav dem Landeslenker
und lassen sich durchregieren.

Doch wer sich nicht dem Anderen stellt
und immer wieder fragt,
wer sich nicht zu den Zweifeln gesellt,
wer die Vernunft vertagt,
der landet einst in wenigen Wochen
in einem neuen Staat.
Die Zweifler haben sich dann verkrochen,
die Herrscher ziehen die Saat.

Hervor kommen Pflänzchen,
ganz grün und ganz gleich.
Niemand stellt mehr Fragen.
Ihre Stiele sind rund und biegsam und weich,
niemals werden sie klagen.

Sie wachsen gut in des Gärtners Sinne,
sie bewegen sich zahm im Wind,
Haben keine Worte, haben keine Stimme,
weil Zuchtpflanzen Stumme sind.

Wenn ihr folgsamen Internetleute,
euch irgendwann mal fragt:
„Was haben wir falsch gemacht?
Dann wundert euch nicht,
wenn es niemand mehr sagt,
aber der heutige Zweifler noch lauter lacht.

 

16. April 2020


ENDE ZYKLUS 1